Tamara ist durch ihren Kontakt mit verschiedenen Grundschulkindern aufgefallen, dass es die klassische Gute-Nacht-Geschichte nicht mehr gibt. Dadurch entstehen auch bei deutschen Kindern große sprachliche Lücken – zum einen beim Selbstlesen, zum anderen beim Hörverstehen. Das Defizit führe auch zu Schwierigkeiten beim Schreiben.
Mit einer Lernpatenschaft bei der Bildungsinsel Arnulfpark Kindern Zukunft schenken

Podcast
Tamara ist Lernpatin bei der Bildungsinsel am Arnulfpark und begleitet dort ein Grundschulkind auf seinem Weg durch die Schule – bei Bedarf auch darüber hinaus, wenn Sorgen oder Fragen auftauchen. Dabei erlebt sie in der Lernpatenschaft immer wieder, wie viel ein Kind schaffen kann, wenn jemand an seiner Seite bleibt und an es glaubt.

Schon bevor ich vor zwei Jahren nach München gezogen bin, wollte ich ehrenamtlich aktiv werden. Damals hatte ich das Problem, dass es in der Gegend, aus der ich komme, nicht so leicht war, ein passendes Ehrenamt zu finden. Als ich dann in München war, habe ich erneut recherchiert, was es gibt und bin dabei auf TATENDRANG aufmerksam geworden. Mit der Freiwilligen-Agentur habe ich ein Beratungsgespräch vereinbart. Im Gespräch mit der Engagementberaterin hat sich aus mehreren Ideen das Thema Lernpatenschaft herauskristallisiert.
Bei der bin ich hängengeblieben, weil ich selber als Kind Probleme mit Deutsch hatte. Ich hatte als Kind zwar keine Lernpatenschaft, dafür aber eine bezahlte Nachhilfe. Das können sich aber nicht alle Eltern leisten. Grade, wenn dann noch ein Migrationshintergrund nebst Sprachbarriere dazukommt. Dann wissen die Eltern oft nicht, wie sie Hilfe für ihr Kind bekommen können. Das hat mich berührt und ich habe mir gedacht, da kann ich mich gut einbringen. Bei einem Grundschulkind habe ich mir eine Lernpatenschaft auch zugetraut.
Außerdem sehe ich mich mit meinem Leben als privilegiert an. Ich habe eine Ausbildung und einen für mich guten Job. Daher möchte ich andere auf ihrem Weg dorthin unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen.
Ich bin für die Bildungsinsel Arnulfpark in München aktiv. Dort habe ich eine Lernpatenschaft für ein Kind im Grundschulalter, dass ich in der Schullaufbahn unterstütze. Wenn Bedarf besteht, gehen wir auch über den schulischen Bereich hinaus. Zum Beispiel, wenn die Kinder im außerschulischen Bereich über etwas mit uns reden wollen. Oder, wenn wir merken, dass es mit Freunden Probleme gibt, dann können die Kinder auch zu uns kommen und mit uns darüber reden.
Vor kurzem war Zeugnistag und mein Betreuungskind und seine Eltern waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden und haben sich richtig gefreut. Mein Patenkind ist ein Mädchen aus der vierten Klasse. Bei ihr ging es mit dem Zeugnis um den Übertritt – also auf welche Schulart es weitergeht. Dazu muss ich sagen, sie war zuvor zwei Jahre auf einer Förderschule. Jetzt hat das Mädchen den Übertritt auf die Realschule geschafft. Ihre beiden älteren Brüder gehen auf die Hauptschule. Bei ihr war es ein großer Kampf, weil ihr durch die Zeit auf der Förderschule Stoff fehlte, vor allem mit Mathe haben wir uns schwergetan. Durch den Migrationshintergrund ist auch Deutsch ein Thema.
Bei uns in der Bildungsinsel Arnulfpark haben die meisten, aber nicht alle, Kinder einen Migrationshintergrund. Die ganze Familie war total happy und hat sich ganz rührend bei mir bedankt. Bei meiner Arbeit habe ich versucht, schulisches und spielerisches miteinander zu verweben. Frontalunterricht kommt bei jungen Kids nicht so gut an. Den haben sie ja schon in der Schule. Bei meinem Patenkind war besonders Mathe ein Problem. Das ist untypisch in dieser Situation. Oft macht Deutsch die größten Schwierigkeiten. Bei ihr war es aber so, sobald sie eine mathematische Aufgabe gesehen hat, hat sie im Kopf dicht gemacht. Sie hatte richtig Angst davor. Deshalb habe ich mit ihr Lernspiele gemacht. Damit haben wir das Einmaleins gelernt. Als es um Währungen und Geld ging, haben wir mit Spielgeld Kaufmannsladen gespielt.
Was mir an der Lernpatenschaft sehr gut gefallen hat, ist, dass ich das Kind länger begleite. Bei diesem Mädchen waren es jetzt anderthalb Jahre. Dadurch bekommt man die Entwicklung eines jungen Menschen richtig mit. In meinem Fall waren das die dritte und vierte Klasse. Das ist eine Zeit, in der viel passiert. Als ich sie kennengelernt habe, war sie noch so ein kleines Mädchen und jetzt ist sie in einer Phase, wo sie anfängt, sich ein bisschen zu schminken und zu überlegen, „ach, was ziehe ich denn an?“ Das Thema Klamotten wird auch mit ihren Freundinnen immer wichtiger.
Es ist schön, mitzuerleben, wie ein junger Mensch sich weiterentwickelt. An dieser Stelle würden sich eigentlich unsere Wege trennen, da wir in der Bildungsinsel Arnulfpark die Kinder nur während ihrer Grundschulzeit begleiten. Da ich mit meinem Patenkind aber schon so lange zusammen bin, darf ich sie bis zum ersten Zwischenzeugnis auf der Realschule begleiten. Aber dann ist leider Schluss.
Also ich fand es toll, zu erleben, wie ich erfolgreich einem jungen Menschen mit einer Lernpatenschaft helfen kann. Ich verbringe eine Stunde die Woche mit meinem Patenkind. Das ist nicht wahnsinnig viel Zeit. Bei ihrem Erfolg freue ich mich richtig mit, was das gebracht hat. Das war für mich ganz toll.
Ihr gelungener Übertritt auf die Realschule, das war wie die Kirsche auf der Sahnetorte. Oder als sie auf einmal das kleine Einmaleins konnte – ein richtig schöner Moment, das mitzuerleben. Sie hatte einfach nicht mehr so viel Angst vor Mathe und Rechnen.
Diese kleinen, aber wichtigen Erfolge sind nicht alles, was das Ehrenamt für mich ausmacht. Grundsätzlich ist es das Wissen, einem anderen Menschen geholfen zu haben – etwas Gutes getan zu haben, etwas zurückgegeben zu haben. Wenn ich mir überlege, ich setze mich in meine Wohnung und freue mich über meine Privilegien und dass ich ein gutes Leben habe. Das kann ich nicht, so bin ich nicht. Das ist nichts, was für mich ein lebenswertes Leben ausmacht. Mir ist es wichtig, meinen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, soziale Interaktionen zu haben und andere Menschen zu unterstützen. Für mich gehört etwas Altruismus zum Leben dazu. Ich brauche auch das Gefühl, mit meiner Zeit, etwas Sinnvolles angefangen zu haben.
Also, was für mich auf einer schönen Ebene total berührend war: Ich hatte mit der Mutter von meinem Patenkind die Vereinbarung, dass ich das Mädchen bis zur Straßenbahnhaltestelle begleite und die Kleine von da aus zwei Stationen fährt, wo die Mutter sie dann abholt, weil sie in der Nähe wohnen. Am Anfang war es noch so, dass die Mutter noch ganz bis zum Nachbarschaftstreff und der Bildungsinsel Arnulfpark gekommen und wir dann zu dritt zur Straßenbahn gelaufen sind. Irgendwann ist die Mutter nicht mehr extra bis zum Treff gekommen, sondern hat sie von der Endstation abgeholt. Was für mich total berührend war, als wir das erste Mal diese Strecke nur zu zweit gelaufen sind und ich mich dann in der Straßenbahn von ihr verabschiedet habe, ist sie auf mich zugekommen und hat gesagt, „danke, dass du heute Mathe mit mir gemacht hast“ und mich umarmt.
Oder, als das Mädchen den Übertritt geschafft hatte, haben sie und ihre Mutter mir Blumen und Pralinen geschenkt, weil sie sich so gefreut haben und dankbar waren, dass sie jetzt auf der Realschule ist. Wo ich mir gedacht habe, „eigentlich hat ja das Mädchen den Übertritt geschafft, ich habe doch nur geholfen.“ Aber das war total schön.
Münchnern rate ich, meldet euch bei TATENDRANG, da werdet ihr gut beraten. Dort suchen sie – und das hat mich hier so beeindruckt, danke Monika – nach Engagements, die zu euch passen. Dabei denken sie auch an Kleinigkeiten. Zum Beispiel berücksichtigen sie neben der Zeit für das eigentliche Engagement auch Pendel- und Wegzeiten zum Ort des Ehrenamts. Ich war auf einen Ort angewiesen, den ich mit der S-Bahn erreichen kann und dass das zeitlich mit meiner Arbeit gut zu vereinbaren ist.
Wichtig ist, dass man sich vorher Gedanken macht, in welchem Bereich man tätig werden möchte. Mit Kindern oder Senioren, da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Daneben ist es wichtig, sich zu überlegen, wie viel Zeit habe ich für das Ehrenamt und zum Pendeln, sodass ich es in meinen Alltag integrieren kann und langfristig Freude daran habe.

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